Grafik: medio.tv/Baumgart


Monatsspruch Juni 2026
In Gefangenschaft

 

„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ So steht es in großen Lettern an den Wänden des Konferenzraumes der Justizvollzugsanstalt Kassel I. Ohne Zutritt zum Konferenzraum sehen die Inhaftierten den 1. Artikel des Grundgesetzes nicht. Doch für die Bediensteten und uns Ehrenamtliche ist der Satz eine Mahnung, an die Situation der Gefangenen zu denken. Jeder Mensch ist wertvoll und hat eine Würde, die ihm nicht genommen werden darf. Auch dann nicht, wenn er selbst straffällig geworden ist. Für mich als Christin ist der 1. Artikel des Grundgesetzes eine säkulare Übersetzung, dass Gott jeden Menschen bedingungslos liebt.


In unserer Gesellschaft sitzt niemand wegen seines Glaubens im Gefängnis, wie es zu Zeiten des Verfassers des Hebräerbriefes war. Wo das Bekenntnis zu Jesus Christus durchaus ein Grund war, gefangengenommen zu werden, manche wurden auch misshandelt und gefoltert. Wenn es dann niemanden gab, der Gefangene mit Nahrung oder Kleidung versorgte, dann sah es trüb aus.


Was sagt uns dieser Vers heute, in einem veränderten Lebensumfeld? Wo sind Menschen gefangen, jenseits von Straftaten? Gefangenschaft und Misshandlung finden wir in sozialen Bereichen, in Arbeitsbezügen und sozialen Netzwerken. Menschen können in Arbeitsstrukturen bis zum Burn-Out gefangen sein. Immer mehr, immer schneller, irgendwann der Zusammenbruch, vielleicht noch verstärkt durch Süchte wie Alkohol oder Aufputschmittel. 

 

Oder die modernen Arbeitssklaven, illegal ausgebeutet, schlecht bezahlt, nicht angemeldet. Und wenn dann etwas passiert? Mobbingopfer, die ins Fadenkreuz von Kollegen und Vorgesetzten geraten oder Jugendliche, die im Netz zum Opfer von Hass-Posts werden.

 

An die Gefangenen und Misshandelten zu denken, bedeutet, sich für die Freiheit stark zu machen, die es jedem Menschen erlaubt, frei zu denken, zu handeln, zu glauben und zu lieben. Diese Freiheit gilt es zu hüten und gegen Angriffe zu verteidigen.

Prädikantin 
Hanna Hirschberger